Diagnostische Sprachunfälle und polyspezifische Versprecher

11. Mai 2026

Ein Erythrozyt mit einem Howell Jolly Körper
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Kennen Sie das? Der Fachbegriff oder das neu gelernte Wort an der Sprachschule liegt Ihnen auf der Zunge, greifbar und kurz vor dem tonalen Durchbruch. Und doch produzieren die verzweifelten Stimmbänder statt sprachlicher Brillanz nichts als «Ähm’s» und «Äh’s». Die bereits etwas Fortschrittlicheren schaffen es, Silben des gesuchten Wortes aneinanderzuhängen und mit ein paar Vokal-Drehern auszusprechen, wie beispielsweise: Iboprufen (statt Ibuprofen), lypholisiert (statt lyophilisiert) oder der bekannte Helioktober (eine resistente Fusion aus Helikopter, Oktober und Helikobakter).

Eine langjährige Arbeitskollegin mit tschechischen Wurzeln arbeitete in jungen Jahren in Deutschland als BMA. Die deutsche Sprache ist bekanntlich voller Hürden. Sie verwechselte die Begriffe «Bürste» und «Brüste». Nun, zwei vertauschte Buchstaben und schon kann es richtig kritisch werden …

Bekommt eine Patientin mit einem negativen Rhesus während der Schwangerschaft das Medikament Rophylac zur Anti-D-Prophylaxe, und der Antikörpersuchtest fällt dementsprechend positiv aus, vermerken wir in unserem Laborinformationssystem sachlich: «Pat. hat am 2.3.26 Rophylac bekommen.» Umso erfrischender wirkt dann ein Eintrag wie: «Pat. hat am 15.11.25 Profylac bekommen.» Das klingt nicht nur nach «Profi-Lack», sondern verleiht der Medikamentenwirkung gleich ein Premium-Upgrade – oder eine echte Hochglanzversiegelung.

Was wäre der Laboralltag ohne unerwartete Sprachblüten? Da Diplomatie nicht zu meinen ausgeprägtesten Stärken zählt, witzelt einer meiner Arbeitskollegen, dass ich die Leute manchmal (verbal) «abflamme», da ich in Stresssituationen zu einem Labordrachen mutieren kann.
Eines Tages sagte ich zu ihm: «Hör mal, meine Arbeitskollegin am Versandposten ist am Lamentieren.» Er: «Lamentieren?»
Ich: «Laut jammern.» Kurze Pause.
Er: «Ich habe ein neues Wort für dich: flammentieren.»
Eine Wortschöpfung, die so treffend wie entlarvend ist. Wir haben Tränen gelacht.

Unvergessen bleibt eine Studierende, die im Labor ein Praktikum absolvierte. Während sie im Mikroskop ein Blutbild betrachtete, erkannte sie diese markanten, randständig liegenden, scharf begrenzten, runden Erythrozyten-Einschlüsse – nur der Name wollte ihr partout nicht einfallen.
Doch dann rief sie plötzlich: «Hello Jolly!»
Seither ist dieser Begriff nicht mehr aus meinem BMA-Vokabular wegzudenken – sobald ich ein Howell-Jolly-Körperchen beim Mikroskopieren entdecke, grüsst es mich frisch-fröhlich mit «Hello Jolly».

Sicherlich ist Ihnen während des Lesens der eine oder andere unbeabsichtigte Verhörer, Wortdreher oder sprachliche Fehlgriff durch den Lobus frontalis gehüpft – das freut mich –, besonders wenn Sie dabei schmunzeln mussten.

Übrigens: Die Redewendung «Hals- und Beinbruch» ist selbst das Ergebnis einer sprachlichen Verwandlung. Sie geht auf den jiddischen Glückwunsch «hatsloche un broche» zurück, was so viel wie «Erfolg und Segen» bedeutet. Der Ausdruck wurde im Deutschen missverstanden und an die heute bekannte Form angepasst.

In diesem Sinne: hatsloche un broche und bis zum nächsten Hello Jolly!

Ursula Eichenberger

Ursula Eichenberger

Ihre Kolumne «Hello Jolly» ist ein leicht verdaulicher und amüsanter Fach-Unterbruch für alle, die Herzblut durch die distalen und proximalen Humorkanäle strömen lassen möchten.

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