Einleitung
Die medizinische Mikrobiologie steht wie kaum ein anderes Fachgebiet unter einem stetigen Wandel. Neue Technologien, die zunehmende Automatisierung, künstliche Intelligenz (KI) und digitale Transformationen verändern die Routinediagnostik rasant. Gleichzeitig bleibt die Komplexität mikrobiologischer Proben eine Herausforderung, da sich nicht alle Prozesse standardisieren lassen und die Fachkompetenz erfahrener Diagnostiker:innen ist nach wie vor unerlässlich.
Doch nicht nur technologische Innovationen erfordern eine kontinuierliche Anpassung. Die Epidemiologie verändert sich fortlaufend, angetrieben durch globale Mobilität, antibiotikaresistente Erreger und pandemische Bedrohungen. Neue Pathogene treten plötzlich auf, Antibiotikaresistenzen verbreiten sich rasch, und Labore müssen oft innerhalb kürzester Zeit auf neue diagnostische Anforderungen reagieren. Die COVID-19-Pandemie hat die zentrale Rolle der Labordiagnostik weltweit in den Fokus gerückt, und ähnliche Herausforderungen – etwa durch multiresistente Keime oder neue virale Bedrohungen, z.B. die Vogelgrippe (H5N1) oder die Affenpocken – werden künftig häufiger auftreten. Trotz dieser komplexen und hohen Anforderungen stehen die Labore in der Schweiz unter massivem Kostendruck, und es ist kaum möglich, Funktionen der öffentlichen Gesundheit mit genügender Sorgfalt wahrzunehmen.
In dieser hochdynamischen Umgebung steigen die Anforderungen an die neue Generation von Biomedizinischen Analytiker:innen (BMAs) stetig. Neben fundiertem Fachwissen sind heute analytisches Denken, interdisziplinäre Zusammenarbeit, digitale Kompetenz und Flexibilität gefordert. Gleichzeitig stehen Labore unter zunehmendem Kostendruck, Fachkräftemangel und verschärfter Regulierung durch IVDR- und ISO-Standards. Dies wirft die Frage auf: Wie muss die mikrobiologische Ausbildung angepasst werden, um BMAs optimal auf die Zukunft vorzubereiten?
Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen zentralen Entwicklungen in der medizinischen Mikrobiologie und die damit verbundenen Herausforderungen für die Ausbildung von BMAs. Manche Aspekte sind auch für andere Fachbereiche gültig. Der Artikel zeigt, welche Fähigkeiten in einem zunehmend digitalisierten, automatisierten und regulierten Umfeld gefragt sind, warum konzeptionelles Denken wichtiger denn je ist und wie moderne Lehrmethoden – von digitalen Lernplattformen und Simulationen bis hin zu KI-gestützten Lehragenten – dazu beitragen können, angehende BMAs bestmöglich auf ihre zukünftigen Aufgaben vorzubereiten. Auch die Rolle des Berufsverbandes und die zunehmende Akademisierung des Berufs werden thematisiert, ebenso wie die Frage, wie die Sichtbarkeit und die Wertschätzung der Labormedizin verbessert werden können.
Aktuelle Megatrends in der Labordiagnostik
Die Labormedizin, insbesondere die medizinische Mikrobiologie, steht derzeit unter dem Einfluss mehrerer Megatrends 1. Moderne diagnostische Labore setzen vermehrt auf automatisierte Systeme und beginnen, KI-gestützte Methoden einzuführen, etwa zur Bildanalyse von Mikroskopie-Präparaten und Kolonie-Morphologien auf Agarplatten [1, 2]. Voll automatisierte Anlagen für mikrobiologische Proben (engl. Total Laboratory Automation, TLA) wurden lange als kaum umsetzbar erachtet, da mikrobiologische Proben hochgradig variabel und komplex sind [3]. Neue Entwicklungen zeigen zwar, dass z.B. automatisiertes Ausstreichen von Proben eine höhere Standardisierung und Effizienz ermöglichen kann [4]. Trotzdem gilt: Ein KI-System oder ein Roboter kann nicht, oder noch nicht, alle Aufgaben übernehmen. Das Critical Thinking und die kontextuelle Entscheidung durch fachkundige Mitarbeitende bleiben essenziell [3, 5]. Eine neue Studie zeigt, dass mittels ChatGPT molekulare Resistenzmechanismen wie ESBL, AmpC und Carbapenemasen mit hoher Verlässlichkeit identifiziert werden können, aber doch noch nicht in allen Fällen [6]. KI und digitale Bildanalyse werden die Routine unterstützen, aber nicht jeden komplexen Befund selbstständig lösen.
Zeitgleich verschärft sich der Fachkräftemangel in den medizinischen Laboren. In der Schweiz arbeiten rund 3000 BMAs, doch bereits vor der COVID-19-Pandemie war der Personalbestand knapp [7]. Zwei Drittel der Labore planen, ihr Analytikpersonal aufzustocken, stossen jedoch auf Rekrutierungsschwierigkeiten aufgrund des Mangels an qualifizierten Fachkräften [8]. Hinzu kommt ein erheblicher Kostendruck im Gesundheitswesen. Labordiagnostik wird oft als reiner Kostenfaktor betrachtet, und die Labortarife wurden z.B. 2022 um 10% gesenkt, was den ökonomischen Druck weiter sehr stark erhöht [8]. Gleichzeitig erbringt die Branche enorme Wertschöpfung und trägt wesentlich zur Versorgungsqualität bei. So basieren etwa zwei Drittel aller diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen mittelbar oder unmittelbar auf Laborresultaten [8] – ein Wert, der den grossen Einfluss der Labormedizin unterstreicht. Die Herausforderung besteht darin, trotz begrenzter Ressourcen eine hohe Qualität und Geschwindigkeit der Diagnostik aufrechtzuerhalten, wofür hochqualifiziertes Personal unverzichtbar ist.
Ein weiterer Trend ist die Zunahme regulatorischer Anforderungen. Die neue europäische In-vitro-Diagnostika-Verordnung (IVDR) sowie strenge Qualitätsnormen (z.B. ISO 15189 für medizinische Laboratorien, Qualab etc.) erhöhen den Dokumentationsaufwand und die Komplexität im Laboralltag [9]. Vertreter der Branche sehen neben Fachkräftemangel und Kostendruck vor allem die steigende Regulierung sowie umfangreiche Qualitäts- und Dokumentationsanforderungen als zentrale Herausforderung [8]. Labore müssen z.B. jede diagnostische Methode akribisch validieren und dokumentieren, um den IVDR-Vorgaben zu genügen. Etablierte Labor-entwickelte Methoden, die auch oft ISO-akkreditiert sind und seit vielen Jahren verwendet werden, sind plötzlich nicht mehr erlaubt und müssen unter höchstem Aufwand revalidiert werden. Dies erhöht den Kostendruck, und sofern kommerzielle Verfahren vorhanden sind, werden diese eingeführt, wobei eine hohe Firmenabhängigkeit mit logistischen Herausforderungen resultiert. Eine massive Herausforderung gerade bei globalen, fragilen Lieferketten [9]. Das erfordert von den BMAs nicht nur fachliches Können, sondern auch Wissen in Qualitätsmanagement und Regulatorik. Diese Überregulierung bindet personelle Ressourcen und verstärkt den Ruf nach effizienteren Prozessen, was wiederum den Trend zu Automatisierung und digitalen Lösungen befeuert. Insgesamt entsteht ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite Druck zur Automatisierung und Standardisierung, auf der anderen Seite der Bedarf an flexibler menschlicher Expertise, um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden.
Konzeptionelles Denken bleibt unerlässlich
Trotz aller technischer Fortschritte lässt sich in der medizinischen Mikrobiologie nicht alles automatisieren. Die Vielfalt der Probenmaterialien, von Blutkulturen über Abstriche bis zu Stuhlproben, und die unterschiedlichen möglichen Erreger erfordern weiterhin die Kompetenz erfahrener Fachleute. Die Einführung von Automatisierung in der Mikrobiologie galt lange als schwierig, weil Maschinen die erforderlichen kritischen Entscheidungsprozesse nicht leisten konnten und Proben stark variieren [3]. Noch heute stossen Algorithmen an Grenzen, etwa wenn unerwartete oder seltene Befunde auftreten. KI-Systeme können beispielsweise Routinebilder auswerten, doch sobald ein untypisches Wachstum auf einem Agar oder ein ungewöhnliches Resistenzmuster auftaucht, ist konzeptionelles Denken gefragt. Seit Jahren werden von grossen Robotikanbietern Kolonien-Picker versprochen, aber Systeme mit hohem oder BMA-ähnlichem Durchsatz sind weiterhin nicht verfügbar.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich der Wert der menschlichen Expertise. Automatisierte Identifikationssysteme wie MALDI-TOF-Massenspektrometrie beschleunigen zwar die Erregeridentifizierung, können aber bestimmte pathogene Bakterien nicht auseinanderhalten, so werden Shigella-Arten als E. coli ausgewiesen [10]. Hier müssen BMAs das Ergebnis hinterfragen und gegebenenfalls Zusatztests (z.B. biochemische oder molekulare Bestätigungen) veranlassen. Trotz Errungenschaften in der KI sind keine Expertensysteme für MALDI-TOF-Massenspektrometrie vorhanden, die auf herausfordernde Bakterien hinweisen. Dieses analytisch-konzeptionelle Denken kann aktuell noch keine KI ersetzen. Auch komplexe Befundkonstellationen, z.B. simultane Infektionen oder kontaminierte Proben, erfordern vom Menschen ein vernetztes Denken und klinisches Verständnis. Besonders seltene und aussergewöhnliche Ergebnisse werden vom Menschen zuverlässiger erkannt z.B. Vancomycin-resistente Staphylococcus aureus – eine BMA würde hier eine Wiederholung des Tests veranlassen. In der Diagnostik geht es nicht nur um das Abarbeiten standardisierter Abläufe, sondern um Interpretation im Kontext der Patient:in. Eine Aufgabe, die Augmented-Intelligence-Ansätze betonen: KI soll Fachpersonen unterstützen, aber nicht vollkommen autonom entscheiden [5]. Die nächste Generation von BMAs muss daher neben solidem Fachwissen die Fähigkeit entwickeln, Probleme konzeptuell zu durchdringen und Entscheidungen in komplexen Situationen zu treffen.
Anforderungen an die Ausbildung im dynamischen Umfeld
Die Ausbildung von BMAs muss mit der rasanten Entwicklung in Medizin und Technik Schritt halten. Das Arbeitsumfeld im Labor ist hochdynamisch: Neue Testmethoden, Analysegeräte und Software werden ständig eingeführt, und während einer dreijährigen Ausbildungsdauer können sich Verfahren grundlegend ändern. Entsprechend brauchen angehende BMAs nicht nur aktuelles Fachwissen, sondern vor allem Lernkompetenz und Flexibilität, um sich laufend auf dem neuesten Stand zu halten. Curricula legen heute verstärkt Wert auf Interdisziplinarität und Digitalisierungskompetenz (Abbildung 1).

Abbildung 1 – Veränderung des Anforderungsprofils an die moderne BMA
In der Praxis bedeutet das: BMAs müssen die Grundlagen der klassischen Laborfächer (klinische Chemie, Hämatologie, medizinische Mikrobiologie, Immunhämatologie, Immunologie, Humangenetik, Histologie und weitere) beherrschen und bereit sein, neue Felder wie Molekulardiagnostik, Bioinformatik oder Datenwissenschaften zu erschliessen. Konzeptionelles Denken, also das Verstehen von Prozessen und das Vernetzen von Wissen, wird gezielt gefördert, denn in komplexen Bereichen wie der medizinischen Mikrobiologie gilt es, automatisierte Ergebnisse korrekt zu interpretieren und bei Bedarf kreativ nachzuhaken. Zudem verlangt das Qualitätsmanagement analytische Präzision: Prozesse nach ISO-Standards verstehen, interne Kontrollen durchführen und Validierungen dokumentieren gehören heute zum Berufsalltag im Labor. Die Ausbildung muss die Fähigkeit vermitteln, selbstständig Probleme zu lösen, sich an neue Abläufe anzupassen und auch unter Zeitdruck fehlerfrei zu arbeiten.
Ein weiteres wichtiges Problem der meisten Ausbildungsstätten ist, dass diese nicht mehr den vielfältigen technischen Entwicklungen gerecht werden können. In der Mikrobiologie z.B. sind Maschinen wie MALDI-TOF-Massenspektrometer und Sequenzierungsmaschinen zu teuer für eine Schule und somit in der Regel nicht verfügbar. BMAs sind daher zunehmend nur theoretisch ausgebildet – Berufserfahrungen müssen zwingend in Praktika gesammelt werden. Kurz: Gefragt ist ein neues BMA-Profil – technikaffin, konzeptionsstark und anpassungsfähig.
Grenzen der Automatisierung: Fallbeispiele aus der Praxis
Ein Blick in den Laboralltag zeigt exemplarisch, wo Automatisierung an ihre Grenzen stösst und welche Fähigkeiten dann zählen.
Fallbeispiel 1: Differenzierung eines Erregers
In einem mikrobiologischen Labor meldet das automatisierte Identifikationssystem ein Escherichia coli-Isolat aus einer Stuhlprobe. Aufgrund der schweren klinischen Symptomatik der Patientin (blutige Diarrhö) wird jedoch Shigellose vermutet. Tatsächlich ist bekannt, dass Shigella-Bakterien biochemisch und massenspektrometrisch kaum von harmloseren E. coli zu unterscheiden sind [10]. Die erfahrene BMA erkennt dieses Limit der Technologie, führt einen gezielten Nachweis (z.B. Zweitidentifikation mittels Biochemie, Farbe auf chromogener Medium- und Laktoseverwertung auf MacConkey-Platte, Beweglichkeitstest oder Serotypisierung) durch und bestätigt Shigella. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass fachliches Hinterfragen und manuelle Zusatztests essenziell bleiben, wenn Automatismen versagen.
Fallbeispiel 2: Interpretation eines Antibiogramms
Ein vollautomatisches System zur Antibiotika-Empfindlichkeitsprüfung liefert die Meldung «sensibel» für ein Antibiotikum, doch die BMA bemerkt, dass das Bakterium ein ungewöhnliches Resistenzgen tragen könnte (etwa anhand des Keimnamens oder eines Resistenzmusters). Sie entscheidet, eine weiterführende molekulare Resistenzbestimmung anzustossen und kann so einen therapeutisch wichtigen Resistenzmechanismus nachweisen, den das Routineverfahren übersehen hätte. Hier war kritisches Urteilsvermögen gefragt: die Fähigkeit, Ergebnisse im Lichte von Zusatzinformationen zu beurteilen und notfalls die Automatik zu übersteuern. Solche Situationen treten besonders in der Mikrobiologie häufig auf, da Bakterien und Viren eine immense Vielfalt an Eigenschaften besitzen. Ebenso erfordern Kontaminationen oder Probenartefakte menschliches Erkennen: Ein Roboter kann z.B. nicht ohne Weiteres entscheiden, ob ein Hautkeim im Blutkulturfläschchen klinisch relevant oder nur Verunreinigung ist – eine Abwägung, die Erfahrung und Kommunikation mit den klinischen Kolleg:innen verlangt. Diese Fallbeispiele machen deutlich, welche Fähigkeiten künftige BMAs vermehrt benötigen: analytische Weitsicht, Entscheidungsfähigkeit, Kommunikation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Moderne Lernmethoden für BMAs
Um die genannten Kompetenzen zu vermitteln, setzen Bildungsstätten verstärkt auf moderne Lernmethoden. Klassischer Frontalunterricht wird ersetzt durch digitale Lernplattformen und Selbststudium, was ein flexibles, individuelles Vertiefen des Stoffs ermöglicht. So können Studierende im eigenen Tempo online Lernmodule bearbeiten oder interaktive Quiz nutzen, um ihr Wissen zu festigen. Darüber hinaus kommen Simulationen und virtuelle Labore zum Einsatz. In realitätsnahen Laborsimulationen üben die Studierenden diagnostische Abläufe, ohne Patient:innen zu gefährden oder teure Ressourcen zu verbrauchen. Studien zeigen, dass fallbasierte Simulationen in der Ausbildung von Laborspezialist:innen die kritischen Denkfähigkeiten deutlich fördern [10]. Durch problem-based learning (PBL) in Form von Kasuistiken lernen BMA-Studierende, Laborbefunde im Kontext eines klinischen Falls zu interpretieren und Entscheidungen zu treffen – ähnlich wie in den obigen Fallbeispielen.
Ein weiterer Trend sind digitale Avatare und KI-Agenten als innovative Lehrmittel. So existieren bereits Pilotprojekte, in denen angehende Gesundheitsfachpersonen in virtuellen Umgebungen mit KI-gesteuerten Avataren üben können [11, 12]. Ein Beispiel ist eine Simulation mit virtuellen Patient:innen und interprofessionellen Teammitgliedern, die von KI gesteuert werden. Solche Tools erlauben es, Kommunikation, Teamwork und klinisches Entscheidungsverhalten gefahrlos zu trainieren. Für BMAs könnten virtuelle Coach-Systeme entwickelt werden, die z.B. bei der Befundinterpretation Rückmeldung geben oder seltene Szenarien simulieren. Da diese Technologie teuer in der Entwicklung ist, wäre eine gesamtschweizerische Entwicklung sinnvoll, die von allen Laborschulen entsprechend dem Rahmenlernplan verwendet werden kann. Blended Learning – die Mischung aus Präsenzunterricht, E-Learning, Simulation und Praktikum – prägt die moderne BMA-Ausbildung. Die Schweizer Ausbildungsgänge integrieren diese Methoden bereits: Interaktive Präsenzlektionen, begleitetes Praktikum und digitale Lernmodule sorgen dafür, dass Theorie und Praxis verzahnt vermittelt werden. Ein Beispiel ist die Biomedizinische Analytik HF Curriculum 23 des Bildungszentrums Gesundheit (BzG) beider Basel. Diese Vielfalt an Lernmethoden trägt dem unterschiedlichen Lernbedarf Rechnung und bereitet die Studierenden optimal auf ein lebenslanges Lernen in einem sich stetig wandelnden Berufsfeld vor.
Berufsverband und zunehmende Akademisierung
Die beschriebenen wachsenden Anforderungen an BMAs haben auch der Berufsverband auf den Plan gerufen. Der Schweizer Berufsverband der biomedizinischen Analytik und Labordiagnostik (labmed) engagiert sich seit Jahren für eine Weiterentwicklung der Ausbildung. Bereits 2014 lancierte labmed das Projekt «Neupositionierung der Berufsbildung», da man erkannte, dass die Ausbildung auf Höherer Fachschulstufe (HF) den steigenden Anforderungen und rasanten technologischen Entwicklungen nicht mehr genügt [13]. International drohte die Schweiz ins Hintertreffen zu geraten, da in vielen Ländern die Ausbildung längst akademisiert war. In der Folge setzte sich labmed erfolgreich für die Einführung eines Fachhochschulstudiums ein.
Parallel dazu werden auf politischer Ebene die Höheren Fachschulen aufgewertet. Labmed begrüsst etwa den jüngsten Vorschlag, HF-Absolvent:innen künftig den internationalen Titelzusatz «Professional Bachelor» zu verleihen [14]. Diese Massnahme soll die höhere Berufsbildung stärken und die Karrierechancen der Fachleute erhöhen – ein wichtiger Schritt, um den Beruf attraktiver zu machen. Auch der Weiterbildungsweg «Expert:in BMA HFP (Höhere Fachprüfung in biomedizinischer Analytik und Labormanagement)» wurde geschaffen, um erfahrenen BMAs Führungs- und Spezialfunktionen, z.B. dies Leitung eines Spitallabors, zu ermöglichen. Ebenso arbeitet der Verband mit der Ärzteschaft (FAMH) zusammen, um die Zusammenarbeit zwischen BMAs und Labormediziner:innen zu fördern und klare Weiterbildungswege bis hin zur Laborspezialist:in FAMH zu etablieren [8]. Die zunehmende Akademisierung des Berufsbildes – vom HF-Diplom über Bachelor/Master bis zu postgradualen FAMH-Titeln – ist die Antwort auf die wachsenden Anforderungen und erhöht zugleich die Anerkennung des Berufsstandes.
Sichtbarkeit und Wertschätzung der Labormedizin
Trotz ihrer zentralen Bedeutung für die Diagnosestellung in der Medizin fristete die Labormedizin lange ein Schattendasein. BMAs arbeiten meist abseits des Patientenbetts und im Hintergrund des Gesundheitssystems, was dazu geführt hat, dass ihr Beitrag von Öffentlichkeit und Politik wenig wahrgenommen worden ist [7]. Dabei sind sie eine tragende Säule der modernen Diagnostik – von Notfallanalysen bis hin zu hochspezialisierten Tests liefern sie essenzielle Daten für klinische Entscheidungen.
Die COVID-19-Pandemie rückte die systemrelevante Rolle der BMAs zwar ins Rampenlicht, da täglich Zehntausende PCR-Tests von ihnen analysiert wurden. Dennoch bleibt ihr Beruf oft unsichtbar, und als traditionell stark weiblich geprägte Berufsgruppe sind Lohn- und Karriereperspektiven nach wie vor begrenzt [7]. Zudem wird die Labordiagnostik oft nur als Kostenfaktor wahrgenommen – was dazu beiträgt, dass sich zu wenige junge Menschen für den Beruf entscheiden und Fachkräfte zunehmend abwandern.
Um die Sichtbarkeit und Wertschätzung der Labormedizin zu steigern, engagieren sich der Berufsverband und Labore verstärkt für Öffentlichkeitskampagnen, etwa zum Internationalen Tag der Biomedizinischen Analytik oder zum Tag der Labormedizin. In der Aus- und Weiterbildung wird vermehrt darauf geachtet, dass BMAs ihre Expertise selbstbewusst vertreten und interprofessionell stärker eingebunden werden. Studien belegen den hohen Nutzen einer qualitativ hochwertigen Labordiagnostik für die Patientensicherheit: öffentliche Gesundheit und individuelle Gesundheitsversorgung, und damit auch ihr wirtschaftliches Potenzial. Eine neue Generation von BMAs, die hervorragend ausgebildet, digital versiert und konzeptionell denkend in die Berufswelt eintritt, wird nicht nur den steigenden Anforderungen gerecht, sondern auch aktiv zur höheren Anerkennung der Labormedizin beitragen.
Fazit
Die Ausbildung der BMAs in der Schweiz steht an einem Wendepunkt mit modernen Lehrmethoden an den Schulen, akademischer Aufwertung und klarer Unterstützung des Berufsverbandes werden jene Fachkräfte ausgebildet, die die Labormedizin der Zukunft mitgestalten und sichtbar machen werden.
Referenzen
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Classifiers Does Not Differentiate Shigella spp. and Escherichia coli. Microorganisms, 2022. 10(2). ↩︎ - Medina, C., AI-powered avatars transform training for nurse practitioners and dentists U.o.F. News, Editor. 2024, University of Florida: Gainesville, Florida. ↩︎
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- labmed, Zentralvorstand labmed Schweiz lanciert das Projekt‚ Neupositionierung in der Berufsbildung, labmed, Editor. 2014. ↩︎
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